Nun ist es also Van der Bellen geworden. Mit hauchdünner Mehrheit hat sich Links gegen Rechts durchgesetzt.

Ist das so?

Europa atmet auf. In der ZiB 13:00 vom 24.5.2016 ist es zu hören. Monsieur Valls twittert  von seiner “Erleichterung zu sehen, dass die Österreicher Populismus und Extremismus ablehnen.” “Ein Seufzer der Erleichterung gehe durch Europa” meint Signore Gentiloni und das ZDF kommentiert “Österreich ist gerade nochmal haarscharf an einem deutlichen Rechtsruck vorbeigeschrammt”. Herr Laschet meint weiter “Auch wenn es knapp war, fällt vielen der Stein der Erleichterung vom Herzen”. Bei so viel Erleichterung muß man aufpassen, nicht (noch weiter) vom Boden der Realität abzuheben.

Im Verständnis dieser Herren (von der einen Dame habe ich noch nichts gehört) heißt das also, am Sonntag stimmten 50,3% für Van der Bellen und damit für die Beibehaltung des Kurses der Europäischen (wäre-gern-Zentral)-Regierung.

Und heute sind es nun 100%?

Exkurs: Eine interessante Schlussfolgerung konnte man vor der Stichwahl, also nachdem Hofer die erste Wahl mit Abstand gewonnen hatte, von Herrn Kauder erstaunt vernehmen. Er wertete den Erfolg der rechtspopulistischen FPÖ als Bestätigung für Merkels offenere Flüchtlingspolitik. Es habe sich gezeigt, “dass der harte Kurs der Regierungskoalition in Wien in der Flüchtlingspolitik nicht unbedingt erfolgreich war.” Interessanter Ansatz.

Im Umkehrschluss also, Herr Kauder: Der letztliche Erfolg Van der Bellens ist nun demzufolge der Beweis, das Merkels Politik doch nicht so richtig ist? Was denn nun? “Ihr Kinderlein, kommet” im protestantischen Kirchenchor…

Entweder sie verstehen es wirklich nicht, oder sie wollen nicht, die demokratisch “momentan noch” legitimierten Anführer mancher europäischer Nationen. Fast 50% der Österreicher haben den Kurs der Sammelpartei der Sozialistischen Volksgrünen abgewählt. Einzig das Ein- oder Auswechseln des Kanzlers hat wohl überhaupt diesen Sieg Van der Bellens kurz vor dem Schlusspfiff möglich gemacht, glaubt man Politikwissenschaftern.

Kapiert hat der Kern den Kern des Problems – sagt er.

Die Leute wollen, dass die Regierung ordentlich für sie arbeitet. Was sie seit Jahren nicht tut. Politiker sind unsere Angestellten, sie werden von uns bezahlt, und nun werden sie, wenn nicht heute, dann morgen, von uns gefeuert. Warnschüsse gab es schon zahlreiche, nun war es ein gerade noch einmal unterbrochener Raketenstart. Wenn sie das neben den unberechtigt knallenden Sektkorken wieder überhören, haben sie wohl endgültig ausgespielt.

Sollte die neue Regierung unter Kern jedoch erkennbar gut für uns arbeiten, werden viele Menschen wieder in die Mitte rücken – die sie ja nur mangels Alternativen verlassen mußten. Die meisten sind ja gar nicht sooo rechts – und auch nicht sooo links. Für viele waren beide Kandidaten nicht optimal – viele wählten das aus ihrer Sicht “kleinere Übel”. Den Menschen ist mehrheitlich wahrscheinlich völlig egal, ob die Partei, die sie wählen, rechts-mitte-links oder sonst wo ist. Sie wollen ordentliche Arbeit sehen. Sie wollen die Probleme von den politischen Dienstnehmern angegangen und bewältigt sehen. Sie wählen die Partei aka Personaldienstleister, von der sie dies am ehesten erhoffen. So einfach ist es eigentlich. Die Richtung, Farbe, Gesinnung ergibt sich erst durch die unterschiedlichen Ansätze, die die einzelnen Parteien zur Lösung eines Problems erkennbar machen. Oder eben nicht – und dann müssen sie sich was besseres einfallen lassen. Oder gehen. Das Trägheitsmoment ist auf Seiten der politischen Gruppierungen – und das schlechte Langzeitgedächtnis ihrer Arbeitgeber. Aber irgendwann prägt sich auch dem phlegmatischsten, vergesslichsten die Tatsache ein, dass diese oder jene Partei nicht wunschgemäß arbeitet. Die kritische Masse ist nun erreicht.

Die Marketingabteilungen der Oppositionsparteien schieben Überstunden. Und die der FPÖ ist am erfolgreichsten.

Exkurs: Zwischendurch sei einmal gefragt, warum FPÖ zu wählen überhaupt so schlimm sein soll. Wie weit her ist es da mit der Sozialistisch-Volksgrünen Toleranz, wenn an ihren Ästen gesägt wird? Die Toleranz gilt nur für Gesinnungsgenossen. Homosexuelle Alleinerzieher haben auch ihre Rechte, zweifellos, aber wir anderen haben sie auch. Alle Österreicher sind gleich, nur die Blauen sind weniger gleich – ein Orwell’scher Umkehrschluss.

Ich darf in unserem Land nicht wählen, wen ich möchte. Zumindest dann nicht, wenn ich auf der Mariahilfer Straße mein Kebab mit einem Streetworker teilen möchte. Keine Angst, will ich nicht. Welche Linksautonomen muss ich also fragen, um in die Gunst ihrer Toleranz zu kommen. Ist Herr Van der Bellen automatisch Anarchist, weil er Kommunist-Sozialist-Grüner war/ist. Haben wir statt eines Nazis nun einen pensionierten Sympathisanten der RAF zum Bundespräsidenten gewählt? Wehe dem, der solches nur denkt, geschweige denn ausspricht. Ist bestimmt auch nicht so. Ich vertraue dem mündigen Bürger.

Und wo wir gerade bei mündig sind: Die Macht geht vom Volke aus. Nicht von Herrn Juncker, nicht von Frau Merkel, nicht von irgendwem dazwischen, keinesfalls von Nicht-Österreichern. Die Regierung hat nun maximal 2 Jahre Zeit, “etwas” zu tun. Etwas, was die Alt (und gebrechlich) Parteien in den Augen ihres Auftraggebers wieder und weiter wählbar macht. Und wenn nicht, dann soll es jemand anderes versuchen. Dann soll (und muß) die FPÖ zeigen, was sie kann. Und sie muß es dürfen, ohne entbehrliche Zwischenrufe aus Brüssel und anderen Gutmensch-Burgen, für die Machterhalt auf Kosten von uns allen oberste Maxime ist.