Unter anderem der ORF berichtet in seiner online Ausgabe über das Start-Up Faraday Future (FF), welches – offenbar hochdotiert – die Ansage macht, bis 2017 mit einem revolutionärem Konzept ein neues Elektroauto auf den Markt bringen zu wollen.
Besonders von Tesla werden massiv Spezialisten abgeworben, welches Elon Musk wohl nicht besonders amüsieren dürfte. Nach Abwerbungen von Tesla-Mitarbeitern durch Apple nennet er zwar Apple “Tesla’s Friedhof” und da mag dies vielleicht stimmen, aber im Impressum der Website von FF liest man Namen wie Nick Sampson, Dag Reckhorn, Alan Cherry und Tom Wessner – alle von Tesla – und Richard Kim, ehemals Designer für den i3 und i8 bei BMW. Auch Porter Harris, früher SpaceX (ebenfalls ein Musk-Unternehmen) ist an Bord. An anderen Stellen sind noch weitere Namen aus dem Tesla-Umfeld zu finden.
Der Tesla ist ja nun schon ziemlich revolutionär. Natürlich haben die Modelle Türen (und das Model X recht geniale Falcon Wing Doors), Reifen, “Gas”pedale, Bremspedale und was ein Fahrzeug im herkömmlichen Sinn eben sonst noch so benötigt um sich und seine Passagiere zu bewegen. Das Besondere, wie heute jeder Interessierte bereits weiß, ist das Antriebskonzept: Voll elektrisch und ohne Getriebe. Mit hohem Drehmoment, ausreichend schnell und mit einigermaßen akzeptabler Reichweite – zumindest, wenn man sie mit den E-Versuchen der etablierten Hersteller vergleicht. Von dem hohen Maß an Computerisierung nicht zu reden – aber auch herkömmliche Fahrzeuge funktionieren kaum noch ohne Rechnerunterstützung, die mehr und mehr ausgebaut wird. Tesla hat hier aber ordentlich was draufgesetzt und Updates aus dem Internet machen es möglich, auch bereits ausgelieferten Fahrzeuge später entwickelte Funktionen zugänglich zu machen. Wie zum Beispiel vor kurzem die Möglichkeit, den Tesla selbst fahren zu lassen – was andererseits auch nicht so neu ist, Google macht das schon eine Weile.
Es ist wichtig und auch eine logische Konsequenz, das neue Hersteller sich des Elektro-Themas annehmen, zumal sich die klassische Fahrzeugindustrie weiterhin kaum bewegt und nur sehr träge Althergebrachtes über Bord zu werfen bereit ist. Was aber kann ein neuer Spieler aktuell Revolutionäres bringen? Die Rede ist von nahtloser Integration mit dem Rest unseres Lebens. Das hört sich nach noch stärkerer Vernetzung an – noch “intelligentere” Fahrzeuge, die noch besser wissen, was wir wollen, die uns selbstständig “denken” und lenken können – automatisch ein und ausparken – beim Burgerladen, den G$$gle gerade featured, miteinander (über uns) und auch mit uns kommunizieren, jemanden zu einem bestimmten Zeitpunkt selbständig abholen können, sich selbst an die Steckdose manövrieren (nicht die eigene sondern die, wo es gerade am billigsten ist) und dergleichen mehr. Nicht zu vergessen die Omnipräsenz im Internet mit allen Kommunikationsfacetten, die dazugehören. Das erinnert mich an die Werbung von Samsonite, wo es ungefähr hieß “Sie können auch Ihre Kleidung darin transportieren” – nach dem SmartPHONE also das SmartCAR. Aber ist das revolutionär? Höchstens konsequent weiterentwickelt, aber nicht neu.
Wir wissen momentan natürlich nicht, was da wirklich auf uns zukommt, aber es müßte schon DEUTLICH mehr als die obige (unvollständige) Liste sein, um es revolutionär zu nennen. Alles angeführte ist auch heute schon möglich und machbar. (und Notiz am mich selbst, es einmal zu recherchieren: Wie sieht es überhaupt mit Netzwerk-Kapazitäten aus, wenn Milliarden von Menschen, Autos, Kühlschränken, Fernsehern, mobile devices, etc. etc. gleichzeitig kommunizieren wollen und dabei auch dementsprechend Bandbreiten verlangen – und nicht nur in Ballungsräumen!)
Was würde ich revolutionär finden? Deutlich größere Reichweiten und wesentlich schnelleres Laden der Akkus. Der Tesla ist für viele Anforderungen bereits recht gut gerüstet und es ist absehbar, daß sowohl Energiedichte der Akkus als auch Ladezeiten in naher Zukunft noch verbessert werden können. Allerdings wird es hier wohl auch Grenzen geben und es ist mehr als fraglich, ob die aktuelle Akku-Technologie in absehbarer Zukunft im Sinne der Mobilität das gleiche zu leisten vemögen wird wie ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor. 1.000km + und Tanken in wenigen Minuten. Das sind wir gewöhnt und das wollen wir haben. Damit wird wohl auch FF nicht dienen können – oder doch?
Seit längerem wird bereits an flüssigen Akkumulatoren geforscht. Diese weisen angeblich bereits Energiedichten auf, die jene der Tesla-Modelle übertreffen. Diese Flüssigelektroden sind entweder wie ein herkömmlicher Akku zu laden, oder können – an einer Tankstelle etwa – aus dem Fahrzeug gepumpt und durch geladene Flüssigkeit ersetzt werden. In der Theorie, denn noch gibt es dafür keine Systeme außerhalb des Labors und wohl auch noch einige Probleme zu beheben. (Was könnte noch den Elektro-Hunger stillen? Induktionsschleifen? Infrastrukturell faktisch unlösbar; Brennstoffzellen? Toyota, der Vorreiter in Sachen Hybrid-Antrieb, stellte auf der IAA 2015 den FCV vor, Kostenpunkt ca EUR 50.000 – das ist nicht revolutionär, die Technik ist auch nicht neu – was allerdings auch für Akku-Autos generell gilt – google Lohner-Porsche 1899; Sonnenzellen am Dach – sicher nicht;)
Wie auch immer – Flüssigakkus wären für mich revolutionär. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang, daß Elon Musk dabei ist, eine riesige Akku-Fabrik zu bauen. Man kann wahrscheinlich davon ausgehen, daß er sich gründlich auch mit der Flüssigakku-Technologie beschäftigt haben wird und diese in naher Zukunft als nicht realisierbar eingeschätzt hat. Was natürlich nicht heißt, daß sie nicht trotzdem bald praxistauglich sein könnte, aber es könnte auch ein Indiz sein, dass diese Revolution eher nicht so bald kommen wird. Nicht, daß ich Musk für den einzigen genialen Kopf in Sachen E-Vehicle halten würde. Nur ein Indiz eben.
Ich bleibe also skeptisch. Weitere Intelligentisierung unserer Autos wird es wohl werden und es wird uns nicht umwerfen. Und das schöne dran: Mit dieser Einstellung kann ich nur positiv überrascht werden.
